Das Gesicht der Depression – das es in Wirklichkeit gar nicht gibt

Es ist gerade Juni 2021 und ich schreibe diesen Text am Ende meiner ersten Woche in einer psychosomatischen Rehaklinik. Es ist eine große Klinik mit rund 240 Patienten mit Depression, Angsterkrankung, Burnout und anderen Erkrankungen in der Dauerschleife. Ich habe in dieser ersten Woche schon unzählige Gesichter gesehen. Dabei lässt mich einer meiner Gedanken nicht mehr los, den ich am ersten Tag hier hatte, nachdem ich beim Anmelden und „Einchecken“ schon zahllose Leute durcheinanderlaufen sehen habe. Ich dachte in diesem Moment „Komisch, die sehen alle gar nicht aus als müssten sie in einer psychosomatischen Klinik behandelt werden“. Einen Wimpernschlag später fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Ja natürlich tun sie das nicht. So wie du dich selbst auch nie angesehen hast und je auf den Gedanken gekommen wärst dich in deinem Leben in einer derartigen Einrichtung wiederzufinden.

Da saß ich also – als Patient mit einer Erschöpfungsdepression – und erlag noch immer meinen eigenen Vorurteilen über andere Menschen mit Depressionen. Früher dachte ich immer, das sind ausschließlich Leute, die furchtbar traumatisches in ihrem Leben erfahren haben wie Misshandlung, Vergewaltigung, den Tod eines Partners oder des Kindes und ähnliches oder schlimmeres. Ich blendete dabei völlig aus, dass es auch Leute treffen könnte, die aus „normalen“ Verhältnissen ohne schwere Traumata kommen. Ich sprach ihnen und damit auch mir selbst jedwedes Recht ab jemals einer Depression oder eine andere schweren psychischen Erkrankung erleiden zu „dürfen“. Man hatte liebevolle Eltern, einen sicheren Arbeitsplatz, am besten noch Ehepartner, Familie und Eigenheim. Was gäbe es da, dass man depressiv werden könnte? Völlig ausgeschlossen!

Sehe ich mich als ein Gesicht der Depression?

Und doch war ich hier. Als Frau Anfang 30, mit einem sicheren, gutbezahlten und erfolgreichen Job, einem Ehemann, einem Einfamilienhaus in ruhiger Lage, guten Freunden, einem vermeintlich gesunden Lebensstil und ein paar Hobbies. Nicht gerade das, was meiner eigenen Definition eines depressiven Patienten entsprochen hätte…

Da war ich also einem kollektiven Missverständnis auf den Leim gegangen.

„Was? Depression? Nein, nie damit zu tun gehabt und ich kenne auch keinen, der das mal gehabt haben könnte. Aber weißt du: die Sabine von der Arbeit hat von ihrer Nachbarin erzählt. Ganz schlimmer Fall, hat sie gesagt…“.

Na, wem kommt das bekannt vor? In unserem Sichtfeld existiert diese Erkrankung nur auf dem Papier und selbst wenn man es hätte, würde man ja nicht drüber sprechen. Was sollten die Nachbarn sonst denken?! Ja so ticken wir in Deutschland. Zumindest kann ich das so bestätigen für meine persönliche Bubble, in der ich aufgewachsen bin und bis heute lebe. Ich erinnere mich an eine Bekannte, die mir mal erzählt hat, dass sie zum Psychologen geht, aber nur privat bezahlt, damit es die Krankenkasse ja nicht erfährt. Ich meine… WHAT?! Ist es so verpönt in unserer Gesellschaft mit der Psyche Probleme zu haben, dass die Scham oder Angst vor Stigmatisierung und Konsequenzen sogar so groß ist, es nicht vorstellbar ist eine Behandlung durch seinen Arzt an seine Krankenkasse abrechnen zu lassen? Da würden wir noch eher jemandem von unserer letzten Magen-Darm-Erkrankung erzählen als von einem Therapeutenbesuch. 

Über den Umgang mit Depression und Kakerlaken

Interessant finde ich hier den Vergleich zu den USA. Hier gehört es fast schon zum gesellschaftlichen Ton zum Therapeuten zu gehen. Jeder hat einen – man hat es schließlich auch nicht einfach im Leben und kümmert sich deshalb um seine mentale Verfassung. Absurderweise finden wir dasselbe Phänomen, wenn es um Schädlingsbekämpfer geht. In Amerika soll dieser bitte mit einem möglichst auffälligen Auto vorfahren – man soll schließlich sehen, dass man sich um seine Hygiene kümmert und Schädlinge zuverlässig beseitigt. In Deutschland kommen diese mit unauffälligen weißen Transportern ohne Aufschrift und man erzählt es niemandem, dass er da war. 

Setzen wir also Psychische Erkrankungen mit Kakerlaken gleich? Fiese, eklige Viecher, die nur kommen, weil man selbst dreckig und eklig ist? In beiden Fällen ein völliger Irrglaube. Die Argumentationskette für Schädlinge lasse ich an dieser Stelle aus – wer mehr wissen will befragt gleich nochmal seine Lieblings-Suchmaschine.

Kommen wir zur Depression: Wir denken also Menschen mit Depressionen sind „eklig“, haben selbst etwas falsch gemacht (wenn ihnen nicht gerade ein schweres Trauma zugefügt wurde) und man will nichts mit ihnen zu tun haben? Und so sehen sie auch von außen aus: heruntergekommen, fahl, grau, traurig. Am Ende würde das noch unsere Stimmung trüben. Ich muss sagen, so rein objektiv betrachtet, sind wir was das angeht nicht unbedingt eine sehr freundliche Gesellschaft. 

Reden wir also mal ehrlich über Menschen mit Depressionen:

Statistisch gesehen leiden jedes Jahr hierzulande 5,3 Mio Menschen im Alter zwischen 18 und 79 Jahren unter einer depressiven Erkrankung. Im Laufe des gesamten Lebens sind es sogar rund 11 Mio Menschen und damit 17,1% der hiesigen Bevölkerung. Sprich, jeder 5. Bürger Deutschlands ist davon im Laufe seines Lebens betroffen. Damit müssten wir alle also mindestens einen Betroffenen persönlich kennen, wenn wir nicht gerade als Einsiedler hausen. Hinzu kommen noch Jugendliche und Menschen >79 Jahre, die in der betreffenden Studie nicht erfasst waren.

Was versteht man also unter der medizinischen Diagnose „Depression“? 

„Eine Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interessenslosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann. Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen….“ (WHO)

Es gibt viele Formen der Depression

Dazu zählt zum Beispiel auch die gute alte Erschöpfungsdepression. Das sagt dir nichts? Das liegt vermutlich daran, dass sie im gemeinen Volksmund nur als „Burnout“ gehandelt wird. Das ist ein sehr beliebter Euphemismus, schließlich klingt es gleich ganz anders. Man hat sich verausgabt, zu hart gearbeitet, zu viel geleistet und braucht jetzt halt mal etwas Ruhe. Was vielen dabei nicht bewusst ist, ist dass es sich in den meisten Fällen wirklich um eine DEPRESSION handelt. In einigen wenigen Fällen kann wirklich „nur“ die Überforderung der Grund gewesen sein und ein längerer Urlaub kann reichen, um wieder zurück zu alten Kräften zu kommen. In den meisten Fällen liegt jedoch eine Depression zu Grunde. Ich kann dieses Wort gar nicht oft genug verwenden, weil es immer noch so oft abgetan wird, dass „der halt einfach ein bisschen fertig ist“.

Nein, es ist fast immer mehr als das. Wenn man das Gefühl hat etwas hätte einem mit einem Turbostaubsauger den ganzen Lebenssinn herausgesaugt und man fühlt nichts außer ein riesiges schwarzes Loch in sich und man Todesangst bekommt, dass das nie wieder aufhören könnte, dann ist man nicht nur „ein bisschen fertig“.

Burnout ist kein Prädikat für gute Arbeit, sondern einfach nur der Abfuck schlechthin!

Wenn du das Gefühl hast, du könntest von Depression oder Burnout betroffen sein, dann ab mit dir zum Arzt! Es muss dann dringend eine professionelle Diagnose gestellt werden und eine Behandlung durchgeführt werden. (Unter 116117 findest du Hilfe)

Und dann gibt es noch die „normalen“ Depressionserkrankten, die man noch nicht mal mehr mit Arbeit zuschütten mussten, sondern die schon von Haus aus so viel Gepäck mitbringen, dass ich jeden Tag den Hut vor ihnen ziehe, dass sie sich durchbeißen und nicht aufgeben. 

Die unsichtbare Maske

Was die meisten von ihnen gemeinsam haben, ist dass sie sich nur schwer öffnen können, meistens Vertrauensprobleme haben, eingeschüchtert sind, sich selbst zu wenig wert sind, um andere mit ihren Problemen zu belasten. Sie tragen fast alle dieselbe glänzende Maske: Ein fröhliches Gesicht, fürsorglich für ihr Umfeld, immer ein „ja danke, mir geht es bestens“ auf den Lippen. Doch darunter liegt das echte Gesicht der Depression: sie kämpfen jeden Tag hart mit ihrer Krankheit und verheimlichen sie, um nicht ausgegrenzt oder verurteilt zu werden, mit mitleidigen Mienen angestarrt zu werden oder distanzloser Ausfragerei zu den Gründen ausgesetzt zu werden. Oft ist es ihre einzige Möglichkeit zu überleben. 

Es ist die junge Rothaarige, kaum älter als zwanzig, die fröhlich mit auffälligem Style durch die Gänge huscht.

Es ist der ununterbrochen redende tätowierte Fünfziger, dessen Lachen einen durch den ganzen Speisesaal ansteckt.

Auch die hübsche Mitt-Vierzigerin gehört dazu, die mit ihrer sportlich-eleganten Art die anderen Patienten verzaubert.

Es ist die rüstige alte Dame, die jeder als erstaunlich fit für ihr Alter deklarieren würde.

Sogar der junge Hipster, der jeden Tag eine Instastory mit seinem #outfitoftheday füllen könnte.

Und die unaufgeregte offene Hunde Närrin, die hier mit allen ins Gespräch kommt.

Vielleicht wäre es an der Zeit, dass wir alle den ersten Schritt gehen und Depressionen als Krankheit anerkennen, die jeden von uns treffen könnte, und unser Mitgefühl anstatt Mitleid verdient. Denn nur mit echtem Mitgefühl und Unterstützung können wir unseren depressiven Freunden, Verwandten, Partnern, Kindern, Kollegen, Bekannten und Nachbarn wirklich helfen und ihnen beistehen. 

Deine Caro

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

%d Bloggern gefällt das: