Die 4 psychischen Grundbedürfnisse

Hast du dich schon einmal gefragt, warum wir und manchmal auf den ersten Blick unlogisch verhalten? Oder warum wir uns auch hin und wieder an scheinbaren Kleinigkeiten aufhängen? Manchmal reagieren wir völlig überzogen auf Kleinigkeiten und bleiben dabei bei anderen größeren Themen cool.

Weshalb fühlen wir uns traurig, wenn wir auf einer Party niemanden kennen und uns nur schwer an Gesprächen beteiligen können?

Warum rasten wir innerlich aus, wenn uns unser Chef verbessert oder irgendwas in der vorbereiteten Präsentation abändert?

Und warum macht es uns traurig, wenn irgendjemand unserem Social Media Beitrag kein Like gibt, obwohl diesen Menschen eigentlich gar nicht oder kaum kennen und es uns egal sein könnte, was er davon hält?

Und wieso hören wir einfach nicht auf den Großputz in unserer Wohnung vor uns herzuschieben?

Offensichtlich reagieren wir auf Situationen, weil uns ein darin liegendes Thema scheinbar sehr wichtig ist. Doch was ist uns daran eigentlich so wichtig?

Dafür unternehmen wir mal einen kleinen Ausflug in die Welt der Psychotherapie:
Eine Antwort darauf liefert der deutsche psychologische Psychotherapeut und Psychotherapieforscher Klaus Grawe (1943-2005). Er benennt die aus seiner Sicht bei allen Menschen existierenden 4 psychischen Grundbedürfnisse:

  • Bindung
  • Orientierung / Kontrolle
  • Selbstwerterhöhung / Selbstwertschutz
  • Lustgewinn / Unlustvermeidung

Die 4 Pfeiler:

Wir brauchen die überlebensnotwendige Bindung

Die Bindung beschreibt das Grundbedürfnis des Menschen nach Nähe zu seinen Mitmenschen, zu Familie, Partner, Eltern, Freunden, Kollegen, dem ganzen Sozialgefüge.

Bindung und soziale Zugehörigkeit ist für uns Menschen seit jeher zwingend lebensnotwendig. Denken wir hierbei nur mal an das Kleinkind: Wenn es nicht eingebettet ist in ein beschützendes Sozialsystem, ist es schlichtweg alleine nicht überlebensfähig. Schon in der Steinzeit war es so: Es brauchte seine Mutter, die ihn nährt, seinen Vater, der ihn vorm Säbelzahntiger beschützt und alle anderen Menschen, um von ihnen gehen, sprechen und jagen zu lernen.
Unser Gehirn ist darauf spezialisiert mit unserem Umfeld in Kommunikation zu stehen – durch Sprache, Körperhaltung, Mimik. Wir nutzen sie um unser Wohlbefinden auszudrücken und um im Gegenüber zu lesen, wie er zu uns steht.

Verletzungen des Bindungsbedürfnisses in der Kindheit, z.B. durch eine fehlende liebevolle Beziehung zu den Eltern oder Vernachlässigung, führen oft bis in das Erwachsenenalters zu starken Handlungsmustern in Bezug auf Beziehungen. Sie ziehen uns zum Beispiel bewusst von anderen Menschen zurück, um eine etwaige Verletzung unserer Bindungsbedürfnis zu vermeiden. Andere um Hilfe zu bitten ziehen sie nicht in Betracht und verlassen sich nur auf sich selbst.

Wir streben nach Orientierung und Kontrolle

Wer kennt es nicht: Wenn wir uns auf völlig unbekannten Terrain bewegen, macht uns das zutiefst nervös. Wir haben keine Erfahrungswerte, kennen uns nicht aus wissen nicht was passieren könnte und wie wir etwaige Probleme angehen könnten. Genau in diesen Momenten wird unser Grundbedürfnis nach Orientierung und Kontrolle nicht erfüllt.

Wir fühlen uns wohl, wenn wir uns in vorhersehbaren Situationen befinden und unsere eigenen Kontrollmöglichkeiten darüber kennen. Auch unsere Handlungsmöglichkeiten und -spielräume sind uns bekannt und wir wissen sie einzusetzen. Das gibt uns Sicherheit und Verlässlichkeit. Wir möchten planen können und uns auch auf das Wort und die Handlung anderer verlassen können. Wir möchten frei entscheiden wo und wie wir leben, welchen Beruf wir ausüben und wie wir ihn ausüben, sowie wir unsere Freizeit gestalten und welche Lebensform wir allgemein für uns wählen. Den selben Wunsch nach selbstbestimmter Kontrolle haben wir ebenfalls in Bezug auf unseren eigenen Körper und unsere Psyche. Wir möchten entscheiden und verstehen, was mit ihnen geschieht.

Wenn wir diese Dinge nicht können oder haben, haben wir das Gefühl als ob uns die Kontrolle entgleitet und wir unser eigenes Leben nicht mehr im Griff haben.

Gerade wenn wir in der Kindheit unser Handeln nicht frei entscheiden und ausführen konnten, breitet sich ein Mangel in diesem Bedürfnis aus. Wenn unsere Meinung nicht gehört wurde, den strengen Eltern stets widerspruchslos Folge geleistet werden musste oder auch wenn wir durch Krankheit/Sucht der Eltern schutzlos ausgeliefert waren, fehlt uns diese Orientierung und Selbstkontrolle. Typischerweise wachsen daraus die bekannten Perfektionisten heran, die ein großes Bedürfnis haben alles voraus zu planen und keinen Raum für Spontanität zu lassen. Sie vermeiden damit der Situation oder jemand anderem ausgeliefert zu sein und keine Handlungsspielräume zu haben.

Wir möchten unseren Selbstwert erhöhen

Lasst uns ehrlich sein: Wir sind alle ein bisschen eitel und lieben es gelobt zu werden für das, was wir tun oder für das, was wir sind.
Jaja… Eigenlob stinkt, aber insgeheim – und zurecht- betreiben wir es alle, wenn uns Anerkennung suchen. Die Wahrung oder Erhöhung unseres Selbstwertes ist eines unserer Grundbedürfnisse.

Das ist auch ganz natürlich: Anerkannt zu werden, sichert unser Überleben. Wenn die Gemeinschaft uns mag, schmeißt sie uns nicht aus unserer Steinzeithöhle und wenn wir attraktiv im Auge unseres Fortpflanzungspartners sind, sichern wir den Fortbestand unserer Gene. Ob wir das nun wollen oder nicht, es ist einfach in uns angelegt.
Und das betreiben wir manchmal mehr, manchmal weniger bewusst Tag für Tag: Wir kleiden uns schick und ansehnlich, wir kaufen uns ein schönes Auto, wir räumen auf bevor Besuch kommt, wir freuen uns über unsern super fancy neuen Manager-Titel usw. Wir brauchen das Lob und Ansehen, um zu erfahren, dass wir Dinge richtig gemacht haben und geachtet werden.

In meiner Heimat Franken gibt es das verbreitete Sprichtwort „Ned g’schmipft, is g’lobt genug“ (dt. „Nicht geschmipft, ist gelobt genug“), das natürlich auch um Kindererziehung häufig keinen Bogen macht (Was natürlich keineswegs nur auf Franken zutrifft, neben „schwäbischen Loben“ gibt es sicherlich in nahezu jeder Region Deutschlands einen Ausdruck dafür).
Das führt oft zu fehlender Beachtung und Nichtbefriedigung des Selbstwert Bedürfnisses. Später versucht man das oft auszugleichen, indem man überaktiv Aufgaben erledigt im Job oder auch in der Hilfe für andere, um sich Beachtung und Anerkennung über Leistung zu verdienen und damit sein eigenes Selbstwertgefühl zu erhöhen.

Hast du Lust….?

Schon wieder keine Lust aufzuräumen oder für die Prüfung zu lernen? Ich persönlich habe ja relativ oft so lange ein Motivationsproblem bis ich ein Zeitproblem habe. Dann wird die Bude wieder in den letzten 10 Minuten vor dem Besuch aufgeräumt und das Last-Minute-Gedächtnis beansprucht. Und seitdem es das Wort „Prokrastination“ in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat, klingt es doch auch irgendwie trendig.

Wie wir aber auch leider wissen, geht es sehr oft am Tag nicht um Lust oder Unlust, sondern Verpflichtungen, die man hat und die erledigt werden müssen. Das Gute ist aber, dass in der Regel aber auch ein Lustgewinn nach einer Unlustphase auf uns wartet. Unser Gehalt am Monatsende zum Beispiel, dass uns wieder an anderen Stellen Lustgewinn beschert, wenn wir uns von dem Geld etwas schönes kaufen können oder eine tolle Reise machen können. Oder die Hosengröße kleiner, wenn wir eine Zeit lang fleißig regelmäßig unser Sportprogramm gemacht haben.

Kinder aus Familienbetrieben haben vielleicht jedoch in ihrer Jugend etwas zu viel Unlust erfahren und hatten keinen persönlichen Lustgewinn daraus im elterlichen Betrieb zu helfen oder andere Aufgaben in der Familie zu übernehmen. Die Frage, ob man gerade Lust darauf hätte, war völlig irrelevant und wurde nie gestellt. Man hat es halt einfach gemacht und „funktioniert“. Das zieht sich auch hier wieder gerne durch ins Erwachsenenalter, wo weiterhin nur „funktioniert“ wird. Etwaige Gefühle stören dabei und man ist halt vernünftig und macht die Aufgabe. Damit ermeidet man Enttäuschung und Ärger, aber genauso auch Freude – schließlich geht es weder um Unlust, noch um Lust. Grundbedürfnisse sind egal. Oder es schlägt ins komplette Gegenteil um und man wehrt sich gegen jede Form der Unlust und strebt nur noch nach lustvollen Vergnügen.

Wie können wir unsere Grundbedürfnisse anwenden?

Kommen wir vom Ausflug ins Therapeutische zurück zum Coaching:
Wie können wir jetzt das oben genannte Wissen positiv für uns nutzen?

Verstehe ihre Bedeutung für dich persönlich!

Verstehe die oben beschriebenen Bedürfnisse und reflektiere mal für dich, was sie dir bedeuten.
Je bewusster du dir über deine Bedürfnisse bist, desto bewusster kannst du wahrnehmen, wenn sie tangiert werden.

Reflektiere die Situationen die dich aus dem Gleichgewicht bringen!

Wenn du sich in einer Situation befindest, in der du wütend oder traurig bist, reflektiere:
Welches meiner Grundbedürfnisse wurde hier denn gerade verletzt? Warum fühle ich mich jetzt so?

  1. Entscheide: Ist dieses Thema jetzt gerade an genau dieser Stelle wirklich so wichtig für dich?
    Wenn ja, kannst du sie noch verändern? Wie?
  2. Mache dir bewusst, welche deiner Grundbedürfnisse jetzt gerade gut befriedigt sind und schenke diesem Umstand einen Moment deiner Dankbarkeit und Freude.
    Vielleicht ist auch das jetzt gerade verletzte Grundbedürfnis aus zig anderen Themen heraus eigentlich gut befriedigt.
  3. Wenn es sich immer noch zu schwer anfühlt: überlege wie du dir dein verletztes Grundbedürfnisse vielleicht alternativ befriedigen könntest.
    Welche Handlung oder Situation würde zu einem vergleichbaren guten Gefühl führen?
    Hast du Kritik auf der Arbeit bekommen? Wo erfährst du sonst Anerkennung? Wer gibt dir ein gutes Gefühl? Vielleicht bei einer guten Freundin, die dich genauso schätzt, wie du bist?
    Um dich herum herrscht gerade Chaos und du hast keinen Einfluss darauf? Was hast du dennoch im Griff? Welche verlässliche Konstante gibt es?

Sorge der Erfüllung deiner Bedürfnisse vor!

Nutze täglich kleine Momente, um deine Grundbedürfnisse zu erfüllen und dich damit weniger abhängig zu machen von ihrer Erfüllung von außen:

  1. Umgib dich mit einer Gemeinschaft, die dir Bindung schenkt. Treffe Freunde, telefoniere mit ihnen oder schreibe ihnen einfach mal ohne Aufhänger „Liebe Grüße“ per WhatsApp.
  2. Mache dir bewusst welche Handlungsspielräume du genau heute hast, um deinen Tag aktiv zu gestalten anstatt geschehen zu lassen und übernimm die Kontrolle über deinen Tag.
  3. Reflektiere abends vor dem Schlafengehen, was dir heute gut gelungen ist. Welchen Selbstwert erkennst du genau heute selbst in dir, ohne dass ihn dir jemand schenken muss?
  4. Plane dir einen Moment der Freude in deinen Tag ein – egal wie klein er ist. Vielleicht ist es der Kaffee, den du in Ruhe 5 Minuten genießen kannst oder die Blumen in deinem Garten. Worauf hast du einfach nur Lust und welche Vorfreude darauf hilft dir die Unlust-Phasen des Tages zu meistern?

Solltest du merken, dass du extrem durch diese Grundbedürfnisse gesteuert wirst und/oder diese gerade in deiner Kindheit massiv verletzt wurden, empfiehlt sich eine therapeutische Aufarbeitung deiner Situation. In solchen Fällen reichen Tipps aus dem Coaching wie diese manchmal nicht aus, um das Thema in den Griff zu bekommen.

Ich hoffe dir haben diese Tipps geholfen.
Wenn du dir Unterstützung wünschst zum positiven Umgang mit deinen Grundbedürfnissen, nimm gerne Kontakt zu mir auf. Wir können dann im kostenfreien Kennenlerngespräch deine Situation besprechen und uns weitere Maßnahmen überlegen.

Hinterlasse gerne auch einen Kommentar oder eine Frage unter dem Artikel!

Deine Caro

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