Mein Weg in den Burnout

man near carton boxes with many different words about stress

Vorwort: Die Beschreibung über meinen Weg in den Burnout soll keine Anklage meines Arbeitgeber oder meiner damaligenFührungskraft darstellen. Definitiv kann man sagen, dass dort leider auch einige Dinge falsch gelaufen sind. Aber…

1.) zum einen muss man leider realistischerweise sagen, dass das bei Weitem kein Problem ist, das nur dort vorkommt. Diese Form der Arbeitswelt zieht sich zu unser aller Leidwesen inzwischen quer durch alle Branchen und ich persönlich kenne kaum ein Unternehmen, in dem Fälle wie meiner nicht zum Alltag gehören.

2.) Meine damalige Führungskraft war genau wie ich selbst in die Ecke gedrängt und hat ohne böse Absicht einen natürliche Überlebensreflex ausgeführt (das ist zumindest meine Selbstklärung). Dummerweise traf es halt mich. Zwar haben sich unsere Wege hierdurch getrennt, aber ich begegne unserem gemeinsamen Arbeitsweg ohne Groll.

3.) Ich bin mir dessen äußerst bewusst, dass ICH die einzige bin, die MICH hätte schützen können und müssen. Sich für sich selbst einzusetzen, kann einem niemand abnehmen. Zwar sollte niemand bewusst die Gesundheit anderer gefährden, jedoch bringt es auch nichts, wenn ich selbst meine eigene Gesundheit gefährde. Ja, wir leben in einer Ausbeutergesellschaft (sorry für den populistischen Ausdruck), aber jede(r) von uns entscheidet jeden Tag für sich selbst, ob er/sie das mit sich machen lassen will oder nicht. Heute entscheide ich mich jeden Tag dagegen.

How it started…

Mein Weg in den Burnout fängt eigentlich an wie bei vielen engagierten jungen Leuten, die ins Berufsleben starten:

Nach der Ausbildung fing ich 2009 einen Job im Projektmanagement Umfeld an. Ein spannender Job – schon in der Ausbildung dachte ich mir vorher immer „Wow, wie cool…Projektmanagement. Da ist immer was los, nicht so langweilig wie in Stabsabteilungen.“ Ich hatte also Glück und bekam genau in diesem Aufgabenumfeld einen tollen Job und hatte direkt die Möglichkeit bekommen jeden Tag etwas neues zu lernen.

Von dort an entwickelte ich mich regelmäßig weiter, übernähme zunächst neue Aufgaben innerhalb des Projektes, wechselte dann zu anderen.

Berufsbezeichnung: Dauerläufer

Ich gewöhnte mich total schnell daran, dass in den Projekten ständig neue Probleme auftauchten, man immer am „Brände löschen“ war, viel Hektik und Stress herrschte. Mein Überstundenkonto wuchs rasch, auch nachdem ich meine wöchentliche vertragliche Arbeitszeit bereits erhöht hatte.
Es war für mich selbstverständlich immer für die Arbeit da zu sein, länger zu bleiben und auch gerne Zusatzaufgaben zu übernehmen. Immer ein bisschen mehr zu machen als die anderen. Und zu zeigen, dass man sich wirklich zu 100% auf mich verlassen kann und ein wichtiges Team-Mitglied sein.

Ich begann schleichend meine Bedürfnisse runterzuschlucken – na klar, wie hätte ich denn sonst so viel meiner Zeit in die Arbeit stecken können. Und über die Jahre, erinnerte ich mich immer weniger an meine Bedürfnisse und hatte sie mir förmlich abgewöhnt.

Es gibt immer mehr als nur eine Baustelle!

Auch als 2014 ein schwerer Krankheitsfall in der Familie dazu kam, nahm ich mich kaum zurück. Beziehungsweise verbrachte ich das etwas Weniger an Arbeitszeit dann anstatt dessen im Krankenhaus und bei meiner Familie. Es war mir wichtig für sie da zu sein, alles unter Kontrolle zu haben und dort auch das „Projektmanagement“ zu übernehmen. Das bisschen, was dann noch an Zeit übrig blieb, steckten wir in die Planung unseres Eigenheims zu dem wir uns kurz vorher entschieden hatten.

Als ob ich nicht schon genug damit zu tun gehabt hätte begann ich die schwindende Kontrolle (Verlustängste, Angst vor Krankheit etc.) zu kompensieren. Ich erkannte wie wichtig Gesundheit ist (aus heutiger Sicht an dieser Stelle ein kurzes Ironisches „haha, ja klar…“):
Ich hörte zu dieser Zeit auf zu rauchen, nahm sehr erfolgreich 20kg ab und fing an Sport zu treiben. Aus ein bisschen wurde immer mehr. Und mir nichts, dir nichts, quetschte ich auf einmal bis zu 5-6 Sporteinheiten pro Woche noch mit rein. Aus heutiger Sichthabe ich übrigens keine Ahnung, wie ich das gemacht hatte – theoretisch geht es rechnerisch nicht auf… Aber gut, dafür habe ich mich immerhin mit fast niemandem mehr aus meinem Freundeskreis getroffen (auch das gehörte nicht zu meinen besten Ideen).

Mein Engagement wird belohnt

Nach wenigen Jahren begann ich einen Schritt nach dem anderen auf der Karriereleiter zu nehmen. Man sah meinen Einsatz und förderte mich.
Ob ich diese Stellen WIRKLICH wollte, wusste ich nicht (ich kannte ja meine Bedürfnisse nicht mehr). Ich hatte ohnehin keine Zeit darüber nachzudenken. Außerdem sagten alle um mich herum immer, was das für wichtige Schritte für meine berufliche Laufbahn wären und das dieses und jenes essenziell ist auf dem Lebenslauf nachzuweisen, wenn „man etwas erreichen will“. Na gut, wenn sich also eh die Gelegenheiten bieten, warum sollte ich sie ablehnen?!

2018 dann der bedeutendste Karriereschritt: Ich wurde als Gruppenleitung für eine Controlling-Abteilung nach Wien delegiert. Super viele Checks auf der Common-Sense-Karriere-Checkliste:
– Berufserfahrung in einer Stabsstelle – CHECK
– Führungsverantwortung – CHECK
– Auslandsaufenthalt – CHECK
(Wer an dieser Stelle übrigens behaupten möchte, dass Österreich kein „echtes“ Ausland ist, der hat noch nie dort gelebt oder gearbeitet. Trust me: Yes, it is!)

Na wenn das kein Jackpot war?!? 😉

Aber im Ernst: Der Job machte mir schon Spaß. Er war (mal wieder) spannend und abwechslungsreich. Auch die Aufgaben als Führungskraft liebte ich und wage auch zu behaupten, dass ich sie ganz gut gemacht habe – zumindest aus Sicht meiner Mitarbeiter:Innen und meiner Führungskraft; was mich selbst angeht, hatte ich da wohl einiges falsch gemacht.
Und allen voran: WIEN! Ich meine: WHAT!!! Wie geil war das denn? Ich liebte diese Stadt schon vorher und heute noch viel krasser. Dafür nahm ich gerne das wöchentliche pendeln in Kauf, da mein Mann zu Hause bleiben wollte und wir daher eine doppelte Haushaltsführung hatten.

Karriere

Wenn sich auf einmal alles ändert

Im März 2020 ändert sich für mich wie für so viele andere auch dann plötzlich alles:
Am 11.03. reise ich überstürzt aus Wien ab, nachdem bekannt wird, dass auf Grund von Corona die Grenze zwischen Österreich und Deutschland mehr oder weniger zugemacht werden sollte. Mein Mann war immer noch zu Hause in Deutschland. Daher wollte ich kein Risiko eingehen in Wien festzusitzen und nicht mehr nach Hause zu kommen. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass es etwas länger dauern würde, bis ich wieder in die Stadt komme. Ich fuhr nochmal schnell in meiner Wohnung vorbei, räumte den Kühlschrank aus, schaltete alle Steckerleisten aus und breitete sogar die Tagesdecke über meinem Bett aus.
Es sollte 4 Monate dauern bis ich wieder in dieser Wohnung stand – zum Auszug.

Im Homeoffice verschwammen derweil Arbeit und privat immer weiter. Zwar gehörten wir zu den Glücklichen, die ein separates Büro hatten, das ich jeden Tag zum Feierabend hinter mir schließen konnte. Doch dafür steckte ich jede gesparte Wegezeit in Arbeitszeit, so dass ich noch mehr arbeitete als zuvor.

Der Weg wird zum Drahtseilakt

Kurz darauf im Juni 2020 bahnte sich dann ein Sonderprojekt an:
Zu diesem Zeitpunkt merkte ich schon, dass ich so langsam an meine Grenze stoße. Ich arbeitete ohnehin mehr als ich dürfte und schaffte bei Weitem nicht alles, was auf meinem ToDo Zettel stand. Noch mehr Arbeit funktionierte nicht. Und, dass dieses Sonderthema mehr als nur ein bisschen nebenbei werden würde, war mir sofort klar.
Daher war das auch tatsächlich das erste mal, dass ich wirklich versuchte ein Sonderthema abzulehnen und nein zu sagen. Ich sagte deutlich, dass ich nicht mehr schaffen würde. Dieses Sonderthema wäre nochmal ein zusätzlicher Halbtagesjob und dass das einfach nicht vereinbar wäre.

Mein Versuch des Widerstands liefen jedoch ins Leere. Nachdem meine Führungskraft mehrere Anläufe mit Kompromissen, Bauchpinseln und Betteln unternahm, um mich zu überzeugen (andere Themen würden herunterpriorisiert werden, ich dürfte auch etwas anderes abgeben, wer sollte es denn sonst machen außer ich, etc. pp) knickte ich schließlich ein. Ich wollte niemanden im Regen stehen lassen! Allen voran aus Loyalität zu meiner Führungskraft willigte ich schließlich kleinlaut ein. Wie ich das schaffen sollte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht.

Bruch

Rückblickend weiß ich heute: Genau das war der Moment in dem in mir etwas zerbrach.
Wenn ich diese Zeilen lese, höre ich förmlich wie ein Glas auf dem Boden zerschellt.
Das war der finale Bruch mit mir selbst, in dem ich aufhörte mich zu wehren. Und alles, was noch an Selbstschutz da war, zerfiel.

Ich ignoriere alle Alarmzeichen

Die Befürchtungen fingen an sich sofort zu bestätigen: Das Projekt lief vom ersten Tag an beschissen (#sorrynotsorry für die Wortwahl; es ist, was es ist). Mein Tagesgeschäft holte ich bald am Wochenende nach, nachdem ich Montag Bis Freitag so voll mit Themen war, dass vieles liegen blieb.
Bei den Aufgaben, die ich noch schaffte, begann ich häufig Flüchtigkeitsfehler zu machen – Alarmzeichen Nummer 1 ignoriert.

Auch beim Sport ging nur wenige Wochen später meine körperliche Leistung rapide bergab: Meine Pace beim Laufen sank von Tag zu Tag während meine Herzfrequenz immer weiter stieg. Ich konnte kaum mehr Gewichte bewegen beim Kraftsport. Und selbst beim Yoga fiel ich mehr um als alles andere. Das war dann wohl Alarmzeichen Nummer 2…

Auf Arbeit wurde es inzwischen auch ungemütlich mit mir. Meine Stimmung war miserabel und ich reagierte immer häufiger wütend oder angegriffen in Terminen (Alarmzeichen Nummer 3). Und ganz kurios wurde es dann, als ich immer häufiger anfing wegen Kleinigkeiten zu weinen (natürlich heimlich!), womit wir dann bei Alarmzeichen Nummer 4 wären. Und um die ersten 5 Alarmzeichen komplett zu machen, fingen auch Schlafstörungen an. Ich lag nachts lange wach bis ich endlich einschlafen konnte.

Und plötzlich geht alles ganz schnell

Der letzte Teil auf meinem Weg in den Burnout raste wie auf einer Rennbahn an mir vorbei:

Anfang September 2020 fuhren mein Mann und ich 2 Wochen in den Urlaub – in die Berge nach Zell am See. Eine wunderschöne Gegend und ein Ferienhaus mit viel Ruhe! Die Alpen schafften es IMMER mich sofort zur Ruhe zu bringen. Sie haben etwas magisches für mich und es fühlt sich an wie Heimkommen. Das sollte mein Rettungsanker werden.
Nur dieses Mal war es anders: Ich am einfach nicht zur Ruhe, habe wenig geschlafen, musste mich immer bewegen oder irgendwas rumkruschen.

An einem Tag bin ich alleine zu einer Wanderung aufgebrochen. Mein Mann war nicht fit und ich wollte (musste aus einem inneren Drang) trotzdem raus.
Ich erinnere mich beim Abstieg an diesem Tag an einem Moment, in dem ich aus irgendeinem Grund immer schneller wurde. So schnell bis ich mit Tränen in den Augen den Berg mehr oder weniger runter gerannt bin. Weggerannt bin.
Spätestens hier hätte mir ein Licht aufgehen müssen. Warum und vor was ich wegrannte verstand ich jedoch nicht.

person walking near road

Wieder zurück aus dem Urlaub

Arbeitstag 1 nach dem Urlaub, 8 Uhr morgens:
Meine Stimmung war bereits nach 1,5 Stunden Arbeit am Tiefpunkt und mein Stresslevel klebte an der Decke. Es fing genauso beschissen an, wie es vor dem Urlaub geendet hatte. Die nächsten Tage ging es natürlich so weiter. Das Sonderprojekt war am Eskalieren.

Seit der Rückkehr aus dem Urlaub schlief ich immer weniger. Auch meine Leistung beim Sport wurde weiterhin täglich „unerklärlich“ schlechter und ich begann ihn ausfallen zu lassen. So langsam drang zu diesem Zeitpunkt zaghaft in mein Bewusstsein, dass gerade irgendetwas aus dem Ruder lief.

Circa eine Woche nach meinem Urlaub lies meine Führungskraft die Bombe platzen: Mein Boss würde in in wenigen Tagen den Job wechseln, die Nachfolge wäre noch unklar. Es überrollte mich wie ein Zug. Ich sah sofort die viele Arbeit auf uns zu rasen, die dadurch auch noch bei mir und der anderen Gruppenleitung in unserem Team hängen bleiben würde.

In meinem ganzen Körper machte sich Panik breit. Zum ersten mal dachte ich in diesen Tagen ernsthaft über eine Kündigung nach. Ich spürte, dass ich da so schnell wie möglich raus muss, damit ich nicht vor die Hunde gehe. Da war er: der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.

Mein letzter Arbeitstag war Donnerstag, der 01.10.2020. Ich hatte am späten Nachmittag noch ein Meeting mit einer lieben Kollegin, die mit mir zusammen an dem Sonderprojekte arbeitete. Wir versuchten uns gegenseitig aufzumuntern. Sie erzählt mir, dass sie in den Momenten, in denen es besonders bekloppt und absurd wird und sie kurz vorm Durchdrehen ist, immer den Titelsong der Gummibärenbande anmachte. Prompt hörte ich, wie sie das Lied im Hintergrund anstellte. Wir sangen beide laut und falsch mit und lachten uns schlapp. Gelacht hat zu diesem Zeitpunkt aber nur noch mein Gesicht und meine Stimme. In mir drin lachte nichts mehr.
Ich denke bis heute sehr oft an dieses allerletzte Meeting vor meiner Krankheit. Es gibt mir bis heute Kraft und Zuversicht auch in widrigen Umständen immer liebe Seelen um mich herum zu haben.

Am nächsten Morgen gegen 09:30 Uhr, 2 Wochen nach meinem Urlaub, saß ich fast ohne Schlaf beim Arzt.
Mit einem Heulkrampf und am Ende meiner Kräfte war mein Weg in den Burnout beendet.


Wenn dir Teile meiner Beschreibungen bekannt vorkommen – vor allem die Alarmzeichen – nimm sie bitte ernst.
Du findest im Internet auf seriösen Seiten Tests, die eine erste Indikation geben können, wie Burnout gefährdet du gerade bist. z.B. bei Therapie.de.
Beachte jedoch, dass dies keine fachliche Diagnose darstellt. Konsultiere deinen Hausarzt, einen Facharzt oder einen psychologischen Psychotherapeuten.
Hilfe leisten auch der ärztliche Bereitschaftsdienst (116117) sowie die Telefonseelsorge (116123).

Brauchst du Unterstützung, um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen? Ich kann dir in einem Coaching helfen frühzeitig die Bremse zu setzen. Kontakt

2 Kommentare zu „Mein Weg in den Burnout“

  1. Franziska Herzberger

    Liebe Caro,
    ich sitze gerade auf meinem Sofa u habe mit großer Rührung und gleichzeitig Bewunderung für deine Offenheit und Mut deinen Blog Eintrag gelesen.
    Mein Lieblingszitat: „Sich für sich selbst einzusetzen, kann einem niemand abnehmen.“
    Auch ich kenne diese Arbeitswelt, diesen ständigen Drang nach Neuem, mehr Erreichen, mehr Druck und in vielen Situationen sich selbst zu vergessen.
    Ich danke dir, dass du mich in den letzten 10 Monaten begleitet hast, wir viel gearbeitet haben an Glaubenssätzen & Perspektivwechsel.
    Tolle Menschen wie du bereichern, führen die eigene Verletzlichkeit, aber auch das Leben in all seinen positiven Facetten vor Augen.
    Danke!
    Ich umarme dich!
    Franzi

    1. Ich danke dir, liebe Franzi, für diese schönen Worte! ❤
      Ja dieser Satz hat so viel in sich und das zu lernen und zu verinnerlichen ist nicht ohne.
      Aufhören sich als Opfer zu sehen, dass sich nicht wehren kann oder darf. In die Eigenverantwortung gehen und sich selbst die oberste Priorität geben anstatt zu hoffen, dass man beim Gegenüber die Priorität bekommt.

      Wahnsinn übrigens wie lange unser Erstgespräch schon wieder her ist! Es kommt mir vor gestern… 😅

      Deine Caro ❤

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