We are everything at once

We are…? Wer oder was sind wir eigentlich? Wir Frauen…
Wer versuchen wir zu sein? Und wieso brennen so viele von uns dabei aus?

Dieser Blogbeitrag ist als Gastbeitrag entstanden, den ich im Sommer 2021 für meine liebe GRL PWR Community geschrieben habe. Zu dieser Zeit habe ich mich intensiv mit dem Gedanken auseinander gesetzt, wer ich eigentlich als Frau versuchte zu sein. Welche Erwartungen wollte ich erfüllen? Und wie nahm ich andere Frauen wahr?

Wer wollte ich also zukünftig sein und wie wollte ich meine Prioritäten stecken?

Wie du als Frau versuchst alle Bereiche gleichzeitig zu bedienen

Bevor du den nachfolgenden Text liest, bitte ich dich mal eine kleine Übung durchzuführen:

Du hast in deinem Leben 100% deiner Energie zur Verfügung.
Wie viel Energie steckst du heute durchschnittlich in jeden dieser vier Lebensbereiche?

Arbeit/Leistung – Fürsorge/Kinder – Selbst/Gesundheit – Partnerschaft/Liebe

Wie viel Aufwand und innere Kraft kosten dich deine Bereiche jeweils?

Wie viel % deiner Energie hast du für welchen Bereich vergeben?

Welche Summe kam heraus, wenn du dann alle 4 Lebensbereiche wieder addierst?
Waren es 100%? Oder doch eher viel mehr? 

Als ich diese Übung zum ersten Mal gemacht hatte, waren es 240% meiner Lebensenergie. 240%!
Schon komisch, wenn man doch eigentlich nur 100% zur Verfügung stehen hat?! Ich hatte also ein Leben auf Pump geführt. Und das verrückte daran war, dass ich diese Übung 6 Monate NACH meinem Burnout gemacht hatte. Ich hatte also bereits einiges an Energie eingespart im Vergleich zu einem Jahr zuvor. Dennoch lebte ich immer noch auf Pump. Und auch heute fällt es mir oft noch schwer mich zurückzunehmen und mir einen Moment zu gönnen. Einen Moment, um auszuloten, ob ich gerade wirklich noch die Energie habe, um noch etwas zu unternehmen. Oder ob ich nicht lieber die Füße hochlegen und ein gutes Buch nehmen sollte. 

Und da fragt man sich unweigerlich? Warum mache ich das eigentlich? Und geht es nur mir so? 

We are all givers!

In den letzten Jahrzehnten hat sich viel an alten Familienmodellen geändert. Viele von uns haben bereits eine halbwegs homogene Aufgabenteilung zu Hause mit ihren Partnern. Und dennoch haben wir unsere alten Muster bis heute nicht überwunden. 

Es ist auch bei mir und den Frauen in meinem Umfeld bis heute völlig selbstverständlich, dass die Frau in der Beziehung den Wocheneinkauf erledigt, das Essen koch, die Wäsche wäscht und wer weiß was sonst noch. Und in meinem Fall liegt es definitiv nicht daran, dass ich einen Partner hätte, der zu faul ist oder nicht hilfsbereit genug. Der Grund dafür liegt in mir: ich habe mein eigenes Rollenbild selbst noch nicht überwunden.

In meiner Kindheit war es normal, dass meine Mutter neben ihrem Vollzeitjob den ganzen Haushalt schmiss. Währenddessen hat mein Vater rund um die Uhr gearbeitet. Also fühle ich mich auch für unser Heim verantwortlich. Und selbst, wenn ich – was zugegebenermaßen häufiger vorkommt – mal den Haushalt Haushalt sein lasse und lieber ein bisschen dafür rumliege, läuft mein innerer Kampf weiter. Ich kann aufgrund meiner Prägung die Scham- und Schuldgefühle nicht wegdrücken, wenn ich „meiner Verantwortung dafür nicht nachkomme“. Der Stress daraus verfolgt mich also – egal ob ich den Haushalt erledige oder nicht. 

Wenn Mütter das schlechte Gewissen plagt…

Dasselbe Prinzip kennen so viele von uns nur noch heftiger was die eigenen Kinder angeht. Wir gehen als modernen Frauen unseren Berufen und Berufungen nach, jonglieren Job, Familie und alles andere parallel. Und auch, wenn wir im Moment unserer Arbeit (hoffentlich) Erfüllung finden und lieben was wir tun. Wir tragen doch ständig ein schlechtes Gewissen mit uns herum, dass die Zeit von der Zeit unserer Kinder abgezogen wird. Auch wenn diese gerade quietschvergnügt mit ihrem Papa spielen oder sich in der Kita mit anderen Kindern gegenseitig mit Matsch bewerfen. Es ist wieder die Schuld und Scham, die wir in uns mitnehmen, egal, wohin wir gehen. Wir können sie oft eine Zeit lang ausblenden, aber irgendwann holen sie jeden von uns ein.

Statistisch gesehen, liegen die Ursachen für Burnout bei Frauen übrigens häufiger im familiären als im beruflichen Umfeld. Weil wir die Kümmerer sind, die vor allem unseren Lieben immer geben wollen. 

We are all warriors!

Wir können so stolz darauf sein, was unsere Großmütter, unsere Mütter und wir selbst für unseren Weg in die Autonomie alles geschafft haben! Der Großteil von uns Frauen arbeitet heute, viele Vollzeit auch trotz Familie. Wie undenkbar das noch vor wenigen Jahrzehnten war. Selbst in der Generation meiner Mutter war das bei Weitem nicht die Regel. In meiner gesamten Schulzeit gehörte ich zu den wenigen, deren Mütter Vollzeit gearbeitet haben.

Und auch heute noch spüren wir alle täglich, dass das berufliche System so oft noch von männlichen Grundprinzipien geprägt ist – oft auch vielleicht gar nicht mehr bewusst, weil es einem ja normal vorkommt. Wir spüren, dass wir kämpfen um unseren Platz in dieser Welt müssen und es wird auch an allen Ecken und Enden immer wieder statistisch erwiesen, dass wir noch in Parallelwelten leben (Stichwort Equal Pay Gap zum Beispiel). Um uns diese Gleichberechtigung zu erkämpfen, übernehmen wir meist unbewusst all die männlichen Attribute, die in dieser Welt etabliert sind. Wir wollen stark, erfolgreich, tough, rational und nüchtern sein, lassen unsere Emotionen bei der Arbeit zu Hause, unterdrücken sie, um genauso professionell zu wirken wie unsere männlichen Kollegen. 

Warum uns Frauen das Kämpfen wie Männer nicht weiterbringt.

Dabei vergessen wir bei der ganzen Sache einen wichtigen Fakt: Wir sind F R A U E N! Wir sind keine Männer! Und doch versuchen wir uns in Männerkostüme zu stecken, um Gleichbehandlung zu erfahren. Aber ist es Gleichbehandlung, wenn man uns nur gleichbehandelt, weil wir uns verkleiden und tarnen? Anstatt unsere eigene Rolle abzulegen und eine neue anzuziehen, sollten wir lieber unsere bestehende Rolle weiterentwickeln – uns als Frauen für das lieben und akzeptieren was wir mitbringen: Emotionalität, Kreativität, Sorgfalt, Intuition, Empathie. Das alles sind unsere großen Stärken. Und die sollten wir behalten und um die ergänzen, die wir außerdem gerne hätten, anstatt sie zu ersetzen. Denn ersetzbar sind sie nicht. Wir können sie maximal unterdrücken. Und was passiert, wenn wir versuchen etwas in uns zu unterdrücken: Der innere Kampf bricht aus. Und er wird uns verfolgen, egal was wir tun, und irgendwann wird er uns einholen.

We are all health squad!

Ein Vorurteil, das sich sicherlich nicht leugnen lässt, ist, dass viele von uns Frauen auf jeden Gesundheitszug aufspringen, der an uns vorbeifährt. Wir lesen zahlreiche Bücher, Blogs, Zeitschriften und sehen uns Dokus an und wissen nach jedem Input wieder so viel besser als vorher, was gesund für uns ist und wie wir uns etwas Gutes tun können. Und hell yes, davon nehme ich mich selbst auf keinen Fall aus. Wir treiben regelmäßig Sport, haben feste Trainingspläne dafür, ernähren uns vegan, fasten, machen Detox-Kuren, nehmen Supplements, besuchen Yoga-Kurse und betonen bei jeder Gelegenheit wie wichtig Me-Time ist.

Und doch werden wir krank, nehmen an Gewicht zu, haben Allergien und schaffen es nicht uns bei Savasanna zu entspannen – oder sind so fertig, dass wir sofort einschlafen. Und weil das bis dahin anscheinend alles nichts gebracht hat, versuchen wir das nächste Geheimrezept, das um die Ecke kommt und verbrennen weiter Energie – auf der Suche nach Energie. Mit jedem dieser Versuche entfernen wir uns weiter von unserem natürlichen inneren Dialog mit unserem Körper.

Wollen wir wirklich Plänen und „Experten“ mehr Glauben schenken als unserem eigenen Körper?

Anstatt ihm zuzuhören, was er uns sagen will, versuchen wir ihm eine Standardlösung aufzuoktroyieren, nur weil ein Wissenschaftler ja in Studien herausgefunden hat, dass das gut wäre für uns. In der Regel weiß aber unser Körper selbst, was das Beste für ihn wäre und versucht uns in seiner nonverbalen Sprache klarzumachen, was Sache ist. Und dennoch ziehen wir die Laufschuhe an und gehen 10km laufen, weil es unser heutiger Trainingsplan nun mal so vorsieht – obwohl wir uns kaum mehr auf den Beinen halten können, müde sind und alles in uns nach Erholung schreit. Wir gehen mit uns um wie mit einer Maschine, die zu funktionieren hat, befolgen Regeln aus Pflichtgefühlt und blindem Gehorsam und bestrafen uns dann noch mit der vollen Härte unserer Selbstkritik für jedes „Fehlverhalten“, anstatt unserem Körper dankbar zu sein, dass er sich gerade sein Bedürfnis erfüllt hat zum Wohle unseres Gesamtsystems.

We are all lovers!

Ein wunderbares Glück der Feminismus-Bewegung ist, dass wir heute erfüllende Partnerschaften suchen. Wir müssen nicht mehr als abhängige Frauen in kalten, angestaubten Partnerschaften verharren, weil wir ohne unsere Ehegatten kein Einkommen und keine Rechte hätten. Heute müssen wir nicht mehr in Ehen leben, um unsere Existenz zu sichern.

Das ist wundervoll, stellt uns aber auch direkt vor eine neue Herausforderung: Wir haben heute dadurch ein sehr klares Bild davon gewonnen, was wir uns von einer Partnerschaft wünschen. Diese Form der modernen Beziehungen bedeutet aber natürlich auch viel Arbeit. Wir wollen als gleichberechtigte Partner agieren, unsere Bedürfnisse platzieren, unsere gegenseitige Liebe erhalten und irgendwann mal auf ein gemeinsames Leben zurückblicken, das beide Partner erfüllt hat.

Und diese dauerhafte Liebe ist nicht selbstverständlich! Wir müssen dafür jeden Tag an uns arbeiten, genauso wie unser Partner / unsere Partnerin jeden Tag an sich arbeiten muss und beide zusammen in unsere Beziehung investieren müssen. Problematisch wird es dann, wenn Ungleichgewichte in der Beziehung entstehen, Bedürfnisse nicht erfüllt werden und eine Unzufriedenheit Einzug erhält.

Gehe in den Dialog mit deinen Bedürfnissen!

Dann müssen wir prüfen, wo diese Unzufriedenheit herkommt, welches Bedürfnis nicht erfüllt wird.
Und vor allem: Wo dieses Bedürfnis herkommt!

Ist es ein echtes Bedürfnis von uns oder versuchen wir damit nur irgendetwas anderes zu kompensieren?
Oder ist es sogar nur ein Bedürfnis, das wir durch unseren oft unrealistischen Social Media Konsum aufgebaut haben und denken jedes andere Paar würde 5 Tage die Woche coole Sachen zusammen unternehmen, tolle Urlaube machen und hätten ausschließlich gemeinsame Interessen?
Ist es wirklich unser Bedürfnis oder nur eines, das wir uns von irgendjemandem haben einreden lassen ohne es zu hinterfragen?

Anstatt uns selbst zu fragen, was wir von einer Partnerschaft wollen, übernehmen wir auch hier wieder viel zu oft die einfache Lösung – indem wir uns irgendwo anders die Bedürfnisse einfach per copy+paste übernehmen. Und dann werden wir unweigerlich unzufrieden, da wir ja versuchen Bedürfnisse zu erfüllen, die gar nicht real in uns existieren und dafür die vernachlässigen, die wir eigentlich hätten – das ignorieren, was für uns wirklich wesentlich ist.

Kein schöner Ausblick, wenn wir so weiter machen wie bisher…

Laut einer Studie des RKI aus dem Jahr 2012 leiden 5,2% aller Frauen in Deutschland an einem Burnout-Syndrom und damit deutlich häufiger als Männer (3,3%). Diese Werte werden heute jedoch auf beiden Seiten sicherlich noch dramatisch höher sein, als bei der letzten Gesamtdeutschen Studie dazu (die Überbelastungen steigen seit Jahren konstant an und Corona hat dieser Entwicklung noch das Sahnehäubchen aufgesetzt). Stress und dauerhafte Überforderung ist leider häufig auch eine Eintrittspforte zu depressiven und anderen psychischen Erkrankungen und den wieder daraus resultierenden somatischen Erkrankungen.

Wir sollten uns nun also ernsthaft mal fragen: Kann und will ich es mir leisten dauerhaft über meinem Limit zu leben und bin ich bereit etwaige Konsequenzen daraus zu tragen? Wenn wir auf die ehrlichen Stimmen tief in uns hören, kann die Antwort nur NEIN lauten und wir sollten anfangen zu überlegen, wo wir auch mal Speed herausnehmen können.

Es ist also an der Zeit die Ohren zu spitzen und zu lauschen, was diese Stimmen uns sagen wollen.

Wenn du lernen möchtest deine eigene innere Sprache zu verstehen, melde dich gerne bei mir und lass uns zusammen deinen Bedürfnissen auf den Grund gehen und ihnen eine Stimme geben.

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